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Mein Weg aus der Depression

Hmmm wo fange ich bloss an...

Ein enorm schweres Thema und doch möchte ich darüber schreiben, meine Geschichte aus der Depression niederlegen um damit auch ein wenig abzuschliessen und weiterhin zu akzeptieren. 


Vorwort

Ich war über 10 Jahre in Therapie und musste sehr starke Antidepressiva zu mir nehmen. Ohne diese Unterstützung, wüsste ich nicht wo und ob ich heute noch hier wäre.

 

Viele wussten nichts von meinen negativen Gefühlen, denn ich habe diese jahrelang einsam in mich hineingefressen und mich „leise“ therapieren lassen. Wie zeigte sich die Depression?

Ich hatte ständig Angst! Die Angst alleine zu sein, welche auch heute weiterhin meine grösste Angst ist. Jeden Morgen und damit meine ich wirklich JEDEN Morgen, weinte ich wenn ich das Haus zur Schule oder Arbeit verlassen musste. Ich hatte das Gefühl zu ersticken, mir wurde übel, ich bekam Bauchkrämpfe und ich war wie in einem unechten Film. Als würde ich oben nach Hilfe schreien und niemand sah zu mir hin oder hörte mich.

 

Ihr fragt Euch jetzt sicher, was hatte Joy so schlimmes erlebt, welches sie zum Entschluss kommen liess, nichts könne mehr helfen.

Meine Antwort: Nichts. 

 

Ich hatte eine wunderschöne Kindheit, eine liebe Familie und Eltern, welche alles für mich taten. Ich wuchs immer in schöner Umgebung und Häuser auf, durfte sogar in einem weiteren Land leben und doch war da immer etwas in mir, was irgendwie nicht passte. Ich fühlte mich nicht verstanden, alleine und einsam.


Trennungen

Ich hatte also die Chance in 2 Länder aufzuwachsen. Dies mag heute ein enormer Sprach- und Erfahrungsvorteil sein doch er kam auch mit Nachteilen. Die Zeit in Australien war wunderschön und das Land fasziniert mich bis heute. Doch die ständige Hin- und Her Reise (2x) führte dazu, dass ich mich immer von allen Personen trennen musste.

 

Bei der ersten Auswanderung war ich zu Klein und doch, denke ich, dass ich bereits damals mit den Verlusten zu kämpfen hatte. Bei der zweiten Auswanderung wurde es intensiver. Bevor wir nach Australien zogen, lebten wir die letzten 4 Monate bei meiner Oma. Diese Zeit war wunderschön und doch auch der reinste Horror. Ich sah wie es meiner Oma schwer fiel, dass wir wieder nach Australien ziehen werden und ich hatte neue und vor allem gute Freundschaften in der Schule geschlossen. Klar war ich auch sehr aufgeregt das neue Land kennenzulernen, doch nachdem ich mich so gut eingelebt hatte durch den Umzug von Olten nach Zürich, wollte ich eigentlich gar nicht mehr gehen. Aber alles war organisiert und der Abreisetermin fix. Ich musste stark sein, einfach funktionieren und das tat ich auch.

 


Nach ca. 3 Jahren in Sydney, kamen meine Eltern eines Tages auf mich zu und teilten mir mit, dass wir wieder zurück in die Schweiz ziehen werden. Meine Freude war ungeheuer gross, denn ich konnte wieder zurück zu meinen Freunden, welche ich damals noch so ins Herz geschlossen hatte. Doch als ich zurück kam, war nichts mehr wie zuvor. Da ich eine Klasse wiederholen musste, war ich nicht mit meinen vorherigen Freunden in der gleichen Stufe. Somit begann alles wie neu.

 

Die einzige Person, welche immer bei mir war und von der ich mich nie trennen musste war mein Mami. Sie war mein Ein- und Alles, meine Seelenverwandte, meine beste Freundin. Doch egal wie schön und liebevoll diese Beziehung war, sie war ein grosser Einfluss zu meiner Depression. Mehr dazu später…


Mobbing

Bei diesem Thema werde ich nicht enorm ausholen, aber möchte es doch kurz erwähnen. Denn Mobbing war bei mir ein sehr grosses Thema und ist in der heutigen Zeit so ein wichtiges Thema über das man sprechen sollte.

 

Als Mädchen startet die Pubertät meist früher als bei den Jungs und genau so war das bei mir. Ich hatte meine Periode bereits mit 11 und meine Brüste wuchsen schon vor den Meisten in der Schule. Dafür wurde ich natürlich gehänselt. Ich wurde gemobbt wegen meines Aussehens, dass ich in Australien gelebt habe, wegen meines Vor- und Nachnamens, weil ich klein bin, für meine Zahnspange, meine Aussprache/Dialekt, die Brille und dann gab es auch noch das „Leise-Mobbing“. Ich nenne dies jetzt so, denn es sind Situationen von Blicken oder schlechten Vibes.

Also alles Erlebnisse welche mich weiter in die Depression führten…


Der Beginn

Meine Depression begann irgendwann in der Jugendzeit zwischen 12 und 13.

Ich wusste nicht ob ich Fisch oder Vogel bin. Und doch musste ich bereits schwere Entscheidungen für mein zukünftiges Leben festlegen. Mobbing, Rassismus, zerfallene Freundschaften, Lehrstellensuche, Verluste, Familienprobleme, Eheprobleme, Eifersucht, Enttäuschungen, Pubertät, Erwachsenwerden und Liebe. Alles Dinge welche mich immer weiter dazu führten.

 

Ich entwickelte also extreme Stimmungsschwankungen, war viel „down“. So das ich zu einer Naturpraxisheilerin geschickt wurde. Früher war es nicht gerade attraktiv wenn man sein Kind zum Psychiater/Psycholog schicken muss und somit war das die sanftere Lösung.

Die Frau half mir bis zu einem gewissen Punkt. Doch leider war es einfach zu wenig. Als ich eines Tages an einer Sitzung ihr weinend mitteilte, dass wenn ich jetzt keine Hilfe bekomme ich nicht mehr weiter weiss, stufte sie mich als „gefährdet“ ein und so erhielt ich meinen ersten Termin bei einer Psychologin mit der Verordnung zu den nötigen Medikamenten. 


Therapie

Die Therapie begann mit 3-4 wöchentlichen Sitzungen und den entsprechenden, hochdosierten Medikamenten, welche mit der Zeit reduziert wurden.

Ich hatte immer wieder kleinere Rückfälle und doch, konnte ich mich mit den Gesprächen mit meiner Therapeutin über Bord halten.

 

Zu den Gesprächen wurde einst auch meine Mutter eingeladen. Die wohl heftigste Sitzung ever.

 

Eine unvergessliche Aussage, welche an mich und meine Mutter gerichtet war: „Joy Du darfst und sollst Kind sein! Du wirst früh genug erwachsen werden und erwachsene Entscheidungen treffen müssen. Sei einfach Kind! – lass sie Kind sein!“ 

Wenn ich darüber nachdenke, war dies etwas, dass ich zu früh aufgegeben hatte. Vielleicht bin ich deshalb heute auch so eine Disneyfanatikerin, weil man da einfach noch träumen kann.

 

Ab dieser Session realisierte ich, dass meine Bindung und Beziehung zu meiner Mutter zu stark ist. Nicht dass es nicht sein sollte, aber es ist nicht gesund für ein Teenager die Verantwortung und Rolle einer erwachsenen Person in einer Familie einzunehmen. Zwischen zwei Elternteile zu stehen und Partei ergreifen zu müssen, weil eine erwachsene Person dies nicht konnte.

 

Ich nehme es meiner Mutter nicht übel, denn auch sie hatte niemanden und musste sich durch die Umzüge immer neu finden. Doch das war der Punkt an dem wir uns ein wenig distanzieren mussten. Ich konnte es ehrlich gesagt nicht, zum Glück aber meine Mutter.

Sie musste es! Sie musste es, damit ich mich werden konnte.

 

Ich besuchte also weiterhin meine Therapeutin, nahm brav meine Medikamente und alles lief schleichend weiter. Mittlerweile hatte ich auch gute Freunde und ging meinen Hobbys wie Gesang und Musik nach. Dann kam die Liebe…


Liebe

Die Liebe spielt eine riesige Rolle in meinem Leben. Wenn ich liebe, dann voll und stark. Vielleicht ein wenig zu fest.

 

Ich lernte meinen ersten richtigen Freund kennen. Wir waren ein paar Jahre zusammen und die Beziehung war jung, neugierig, unerfahren, verspielt, leidenschaftlich und doch mit viel Misstrauen, Eifersucht, Lügen und psychischen Druck aufgebaut.

Der einzige Weg heraus war ein anderer Mann oder damals Junge. Ein Prinz, welcher auf seinem weissen Pferd angeritten kommt, mich auf Händen trägt, akzeptiert und mir die nötige Liebe geben würde. Dieser Prinz ist mein heutiger Ehemann. Er war übrigens mein allererster Schulschwarm.

Wer kennt es noch: „Willst Du mit mir gehen?“ Ja/Nein/Vielleicht :) Zwischen uns war schon immer „Etwas“. Etwas unbeschreiblich starkes, emotionales, dieses Kribbeln, welches wir heute noch besitzen. Wir konnten nicht einfach Freunde sein. Es gab nur ein Zusammen oder ein Getrennt.

 


Er befreite mich also aus der gescheiterten Beziehung. Die nächsten Monate waren ein Traum und doch wieder eine bittere Enttäuschung. Denn während er für mich mein Ein und Alles war, wusste er leider noch nicht was er im Leben wollte. Meine Liebe und die Verpflichtungen einer Beziehung waren ihm zu aufdringlich, so dass er sich abrupt von mir trennte. Womöglich die schlimmste Trennung aller Zeiten und doch musste sie sein, damit wir fast ¾ Jahre später wieder neu, frisch und ohne sonstigen Einfluss zu einander finden.

 

Als wir zusammen waren, stand er immer an meiner Seite und war für mich da. Auch wenn er mich nicht verstehen konnte, akzeptierte er meine „Ups- and Downs“, hielt mich einfach fest, gab mir die nötige Liebe und Sicherheit die ich brauchte. Dafür bin ich ihm unfassbar dankbar.

 

Wir fanden also wieder zu einander und diesmal war es für immer. Wir wussten es irgendwie schon. Es gab jedoch Seiten, welche unsere Liebe in den Weg stellen wollten, doch wir blieben stark – stark zusammen.

 

Ich zog also von zu Hause aus und quartierte mich bei ihm ein. Von meinem Elternhaus auszuziehen war eine enorm schwere Entscheidung und doch die Beste und vor allem nötig. Durch den Auszug entwickelte ich eine positive Beziehung zu meinem Vater, mit dem ich zuvor immer „Krieg“ führte.

 

Danach folgten weitere kleinere Schicksalsschläge, welche ich mit meinem Schatz gut überstehen konnte.

So ging meine Therapie nach bald mehr als 6 Jahren langsam zu Ende und ich hatte mich selbst im Griff.

I'M HAPPY TODAY


Zum Abschluss

Ich war stark, konnte mich selbst fangen und wusste, dass ich mit meinen Stimmungsschwankungen leben musste, denn so war und bin ich einfach. Diese intensive Zeit wird immer einen Teil von mir sein und es gibt Tage, da fühle ich mich wieder schlecht und das ist in Ordnung. Ich habe gelernt damit zu leben und wie ich mich verhalten soll um mir selbst zu helfen. Man kann und muss sich nicht jeden Tag prächtig fühlen.

Wichtig ist, dass man versucht alles positiv zu sehen und weiter macht. Denn wer fällt, seht stärker auf!

 

Wenn Du es bis hierhin geschafft hast, dann bist Du einfach unglaublich. Dieser Beitrag hätte locker ein Buch werden können und doch musste ich nach 4 Seiten langsam zu einem Ende kommen. Etwas möchte ich jedoch noch los werden und zwar wenn Du auch in einer solchen Situation bist oder nicht weiter weisst, hab keine Angst um Hilfe zu fragen. Sei das bei der Familie, Partner, Freunden, Gruppen oder sprecht direkt mit einem Facharzt.

 

Du bist nicht alleine!


Kommentare: 9
  • #9

    vali (Montag, 29 Juni 2020 20:20)

    wow! danke liebe joy‘ das wusste ich alles nicht! für mich bist du ein mega sonnenschein! und ich wette nicht nur für mich! du kannst so stolz auf dich sein! du hast da ein richtiger monster besiegt! ich bin stolz auf ich!!!

  • #8

    Andrea (Sonntag, 28 Juni 2020 21:03)

    Liebe Joy ich bin sooo stolz auf dich egal in welcher Hinsicht und finde es unglaublich tapfer und mutig von dir darüber zu schreiben. Ich mag dich als Person extrem und schätze deinen Charakter ungemein. Zwar hatte ich keine diagnostizierte Depression aber teile vieles von deiner Story und verstehe in vielen Fällen ganz genau welche Gefühle du hattest und was du erlebt hast. Was ich mittlerweile glaube der Grund ist warum wir uns so gut verstehen und so gut miteinander reden können.
    Ich hoffe sehr das das nun ein Kapitel ist welches du endgültig abschliessen kannst und du nun in eine Zukunft blicken kannst ohne Depression und mit vielen Menschen an deiner Seite die dich lieben und für dich da sind. Ich möchte es für dich sein und bin dir für alles bis jetzt sehr Dankbar. Du bist stark und hast für mich schon gesiegt �� XO

  • #7

    Sharon (Sonntag, 28 Juni 2020 20:54)

    Es freut mich sehr dass du nach diesem langen Weg zu dir gefunden hast!!

  • #6

    Patricia (Sonntag, 28 Juni 2020 20:26)

    OOOO Joy so viel I Blick und WoW ich ha Dich dörfe persönlich kennenlernen bi dir dihäi und Du bisch en Herzens Guete Mensch und es freut mich das Du die Ziiit guet überstanden hesch und Du jetzt weisch wie dermit z lebe... blieb so.

  • #5

    Louis S. (Sonntag, 28 Juni 2020 19:52)

    Schön das es dir heute besser geht!

  • #4

    Nathalie (Sonntag, 28 Juni 2020 17:46)

    Dein Mut ist unglaublich. Hab Dir ein Mail gemacht. Freue mich von Dir zu hören.

  • #3

    Karin (Sonntag, 28 Juni 2020 17:34)

    Fühl Dich gedrückt!!!

  • #2

    Anonym (Sonntag, 28 Juni 2020 17:33)

    Ich hab gerade dein Beitrag gelesen und bin total baff. Unglaublich stark wie du offen darüber schreibst. Mentale-Krankheiten sind heute tatsächlich einfach noch ein Tabuthema. Obwohl es so viele betrifft.

  • #1

    Sara (Sonntag, 28 Juni 2020 17:30)

    WOW EINFACH STARK!